OpenBazaar: Die Zukunft des Online-Handels?

OpenBazaar: Die Zukunft des Online-Handels?

Lesezeit: etwa 9 Minuten

Mit OpenBazaar 2.0 wurde vor einigen Tagen eine Software in der Beta-Version veröffentlicht, die das Online-Shopping revolutionieren könnte. Genau wie Bitcoin basiert die Software auf einem dezentralen System, das den kostenlosen Handel von Waren ohne einen Mittelsmann wie Amazon oder Ebay möglich machen soll. OpenBazaar möchte die Welt verändern und zur Standard-Software auf jedem Rechner werden. Zeit, eines der revolutionärsten Ideen der letzten Jahre einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

OpenBazaar ist anders

OpenBazaar ist ein Marktplatz. Soweit nichts besonderes, aber dieser ist anders als andere Marktplätze. Er basiert auf einem dezentralen System. Wenn man in der Zeit und der Geschichte des Geldes ein paar Schritte zurückgeht, erklärt sich seine Einzigartigkeit.

Man handelte zentral

Als Menschen in den Dörfern anfingen zu handeln, ging man aufeinander zu und tauschte Waren, deren Wert man für ähnlich oder gleich hielt. Als die Dörfer größer wurden, traf man sich dazu an zentralen Plätzen. Später wurden die Dörfer zu Städten und die Städte zu Metropolen. Und mit ihnen wuchsen die Marktplätze für deren Nutzung man als Händler eine Gegenleistung erbringen musste. Zunächst im Tausch, später gegen Geld.
Mit der Entwicklung des Geldes verhielt es sich ähnlich. Nach dem Tausch etablierte sich das Geld und wurde zunächst durch Schecks und später durch Kreditkarten und Banking-Software ergänzt. All diese Zahlungsmöglichkeiten basieren auf einem zentralisierten System. Keines dieser Zahlungsmittel kommt ohne einen Moderator wie eine Bank oder einen Zahlungsdienstleister aus.

OpenBazaar nutzt das Bitcoin-Prinzip

Mit Bitcoin entstand schließlich erstmalig ein dezentralisiertes System, mit dem es möglich war, Transaktionen direkt vom Sender zum Empfänger einer Zahlung vorzunehmen. Die Moderation einer Bank in der Mitte ist von nun an überflüssig.
Auf genau diesem Prinzip beruht das Konzept von OpenBazaar. Das Projekt stammt im Kern bereits aus dem Jahr 2014. Entwickelt hat es ein anarchistischer Netzaktivist namens Amir Taaki, der es aus Protest gegen die Schließung von Silk Road unter dem Namen „Dark Market“ veröffentlichte. Der jetzige OpenBazaar-Chefentwickler Brian Hoffman übernahm und forkte die Software und baute OpenBazaar von da an zu einem klassischen OpenSource-Geschäftsmodell aus.

Handel auf OpenBazaar – dezentral und kostenlos

Heute stellt OpenBazaar die Infrastruktur für einen weltweiten Handel zur Verfügung. Wie bei Bitcoin findet der Handel direkt vom Verkäufer zum Käufer statt, ohne eine zentralisierte Plattform in der Mitte. Alles vollkommen kostenlos.
Eine Gebühr wird nur dann erhoben, wenn man für eine Transaktion von A nach B einen Moderator einsetzen möchte, um auszuschließen, dass bei der Bezahlung etwas schief geht. Doch selbst dann geht diese Gebühr nicht an OpenBazaar, sondern an den Moderator, der einen Anteil der Transaktionsgebühr für seine Leistung einbehält. Der digitale Marktplatz gilt somit als der erste ernstzunehmende Versuch einer wirklich dezentralen E-Commerce-Software.
Doch natürlich müssen auch Brian Hoffman und seine Mitgründer Sam Patterson und Washington Sanchez finanziell von der Entwicklung der Software profitieren. Ihre Firma OB1 möchte in Zukunft das OpenBazaar-Ökosystem durch Dienstleistungen und branchenspezifische Funktionen erweitern und diese kostenpflichtig anbieten.

Bezahlt wird in Bitcoin

OpenBazaar ist nach kurzer Zeit auf Windows, OS X und Linux installiert und lässt sich intuitiv konfigurieren. Mit dem Start der Software auf dem eigenen Rechner wird man Teil des P2P-Netzwerkes und kann sich entscheiden, ob man als Käufer oder Verkäufer auftreten möchte. Ein Kauf wird direkt zwischen dem Verkäufer und dem Käufer abgewickelt. Die Preise sind in der Landeswährung des Verkäufers angegeben, bezahlt wird jedoch ausschließlich zum Echtzeitkurs in Bitcoin.

Grundsätzlich kostenlos

Sämtliche Transaktionen sind kostenlos. Kosten entstehen nur, wenn man zur sicheren Abwicklung einer Transaktion einen Moderator einschaltet, der über eine Gebühr für seine Tätigkeit entlohnt wird. In diesem Fall wird der Kaufpreis zunächst auf ein Treuhandkonto überwiesen, welches nur ausgelöst werden kann, wenn die Kaufbedingungen erfüllt wurden und mindestens zwei der drei Beteiligten ihre Zustimmung erteilen.

Produkte aus aller Herren Länder

Ein Blick auf das Produktportfolio bietet derzeit einen bunten Strauß an Artikeln aus aller Herren Länder. Die Bandbreite reicht dabei von Rennrädern über Schmuck bis hin zur Playstation. Die meisten Artikel sind gebraucht und von privat.

Dezentral aber nicht vollständig anonym

Illegales ist auf den ersten Blick nicht zu finden. Das verwundert, denn die Tatsache, dass es keinen zentralen Betreiber gibt, sollte verlockend genug für Gauner sein, hier innerhalb gesetzlicher Grauzonen oder sogar illegal zu operieren. Der Grund für das Fehlen solcher Angebote ist simpel: Über eine Schnittstelle lassen sich die IP-Adressen der Nutzer des Marktplatzes einsehen. OpenBazaar weist in den Teilnahmebedingungen ausdrücklich darauf hin. Wer also Böses im Schilde führt, nutzt zwar die Vorzüge des dezentralen Angebots, nämlich kostenlose Transaktionen, nicht aber die Anonymität des Netzwerks, so wie das Vorbild Bitcoin sie vorlebt.

Demnächst auch für Firmenkunden

Und obwohl OpenBazaar derzeit eher wie ein „Social Ebay“ wirkt, ist der Anteil an gebrauchten Artikeln von privaten Verkäufern wohl durchaus gewünscht. Der Marktplatz befindet sich derzeit in der Betaphase und soll zunächst ausgiebig getestet werden, bevor man Firmenkunden aktiv bewirbt und an die Leine nimmt. Denn gerade für Firmenkunden kann die Teilnahme an OpenBazaar sinnvoll sein. Marktplatzgebühren entfallen und die dazugehörige Community kann später einmal Reichweite generieren.

Schon heute wächst der Marktplatz stetig

Doch auch ohne die Händler nimmt die Anzahl der verkauften Artikel und Shops derzeit von Tag zu Tag zu. Dies lässt sich online auf duosear.ch beobachten. Die Website setzt direkt auf der Schnittstelle von OpenBazaar an und spiegelt diese ins Netz, wo man die Angebote nach Land oder Keywords filtern und durchsuchen kann.

Ein Schlüssel für die Verbreitung von Bitcoin?

Für die Entwicklung und Akzeptanz von Bitcoin kann OpenBazaar ein wichtiger Faktor sein, denn der Marktplatz bietet – zumindest in der Theorie – einen in sich geschlossenen Wirtschaftskreislauf auf Bitcoin-Basis. Ein wichtiger Aspekt für das Wachstum eines sensiblen Ökosystems, bei dem es so wichtig ist, dass Bitcoin möglichst lange im System verbleibt, anstatt sofort gegen Fiatwährungen zurückgetauscht zu werden und so erneut im Kreislauf der traditionellen Banksysteme zu versickern.

Echte Konkurrenz für den klassischen Webshop

Im Juni 2015 gab das Team von OpenBazaar bekannt, dass sie 1 Million US-Dollar Investment-Kapital einsammeln konnten. Am 09.09.2017 veröffentlichte OpenBazaar mit der Version 2.0 eine Beta-Version des dezentralen Marktplatzes. Letztlich ist ein dezentraler Marktplatz wie OpenBazaar die ideale Umgebung für eine dezentrale Währung wie Bitcoin. Die Möglichkeiten scheinen endlos. Man darf gespannt sein, ob die neue, dezentrale Form des Online-Handels dem klassischen, zentralen Webshop auf Dauer Konkurrenz machen kann.

> Download OpenBazaar

von Patrick Rosenberger | Quellenverzeichnis