Bitcoin-Börse Mt. Gox

Bitcoin-Börse Mt. Gox

Jed McCaleb

Jed McCaleb war anders. Anders als diejenigen, die sich bislang mit Bitcoin beschäftigt hatten. Als einer der Ersten sah er das immense Potential, das die Kryptowährung mit sich brachte. Und Jed war kein Unbekannter. Bereits 2000 hatte er die berüchtigte Video-Sharing-Website eDonkey gegründet, eines der größten File-Sharing-Netzwerke seiner Zeit. Später folgte mit Overnet ein Nachfolger der Peer-to-Peer-Plattform. 2007 entwickelte McCaleb eine Online-Plattform, auf der die über 14.000 verschiedenen Karten eines Sammelkartenspiels getauscht und gehandelt werden konnten. Seine Plattform benannte er nach dem Spiel „Magic: The Gathering Online Exchange“, abgekürzt „Mt. Gox“.

McCaleb entdeckt Bitcoin

2009 lief der Handel mit Sammelkarten schleppend; der Betrieb der Plattform wurde letztlich eingestellt. Nur kurze Zeit später wurde McCaleb schließlich auf Bitcoin aufmerksam. Er recherchierte und erkannte sofort, dass ein Marktplatz fehlte, um die virtuelle Währung online zu erwerben und zu verkaufen. Er zögerte nicht lange und begann mit der Entwicklung einer webbasierten Handelsplattform für Bitcoin, die er 2010 unter seiner nicht mehr benötigen Domain mtgox.com ins Netz stellte.

Schneller Exit

Die Plattform schlug auf Anhieb große Wellen und der Handel mit Bitcoin verselbstständigte sich. Es gab Tage, an denen über die Plattform bis zu 200.000 Bitcoin den Besitzer wechselten. Auch einige Investoren, die von der mysteriösen Währung fasziniert waren, durften vom Erfolg der Plattform profitieren. Mt. Gox überzeugte durch ein beeindruckendes Wachstum – bis McCaleb die Seite im März 2011 überraschend verkaufte. Über das Bitcoin-Forum verbreitete er die Nachricht, dass es „amüsant und interessant“ gewesen sei, Mt. Gox „zum Spaß“ zu gründen. Doch nun sei es an der Zeit, an jemanden zu verkaufen, „der besser geeignet sei, die Webseite weiter zu entwickeln“. (Link zum Post) Jed McCaleb hatte die Handelsbörse still und heimlich an einen französischen Programmierer namens Mark Karpelès verkauft. Karpelès war Administrator und PHP-Entwickler, bevor er 2009 von Frankreich nach Japan auswanderte, um dort den IT-Dienstleister Tibanne Co. Ltd. in Tokio zu gründen. Unmittelbar nach dem Kauf wurde der Firmensitz der Bitcoin-Plattform aus den USA nach Japan überführt.

Bitcoin wird populär

Mt. Gox war das erste echte Unternehmen in der sonst so virtuellen Bitcoin-Welt. Die Währung wurde sichtbar, geradezu greifbar und näherte sich Stück für Stück der normalen Welt. Plötzlich beschäftigten sich auch normale Menschen mit Bitcoin, die virtuelle Münze war nicht länger nur den Technikverrückten vorbehalten. Mt. Gox wuchs und wuchs. Die gesamte Bitcoin-Szene wuchs und wuchs. Im Juni 2010 verzeichnete das Bitcoin-Forum einen sprunghaften Anstieg der Mitglieder um beinahe 14.500 auf etwa 31.000. Die Anzahl der Bitcoin-Interessierten hatte sich innerhalb eines Monats nahezu verdoppelt.

Technische Probleme

Doch wir erinnern uns. McCaleb hatte die Online-Börse so schnell wie möglich aufgebaut, um von Anfang an von der neuen Kryptowährung zu profitieren. Das System war nicht auf einen derartigen Zuwachs ausgelegt, Skalierbarkeit und Automatisierung fehlten in den entscheidenden Bereichen. Zwischen April und Juni 2010 stieg der Kurs des Bitcoin von einem auf knapp 30 Dollar, gleichzeitig verzehnfachte sich die Zahl der Accounts bei Mt. Gox auf über 60.000. Karpelès hatte große Probleme, die inzwischen riesige Anzahl an Transaktionen abzuwickeln.

Anfang vom Ende

Der große Knall kam am 13. Juni 2011, als erste Nutzer bemerkten, dass Bitcoins aus ihren Accounts verschwunden waren. Nur etwa eine Woche später nutzte ein Hacker die Zugangsdaten eines Mitarbeiters der Online-Börse, um eine große Anzahl Bitcoins an sich selbst zu schicken. Einige Zeit später wurden die vormals verschwundenen Bitcoins unerkannt auf Mt. Gox gehandelt, zu einem Preis von nur einem Cent. Die Transaktionen wurden durchgeführt, der Kurs fiel ins Bodenlose. Von derzeit knapp 17 Dollar auf nur wenige Cent.

Karpelès schaltet ab

Hinzu kamen immer wieder Probleme mit der Technik. Schon im Juli 2011 wickelte Mt. Gox 80% des gesamten Welthandels mit Bitcoin ab. Die Anzahl der Transaktionen stieg permanent. Durchgeführt auf einem System, das dieser Belastung im Jahr 2013 nicht standhalten konnte. Um die Börse wieder zu stabilisieren, musste Karpelès zunächst die aufgelaufenen Transaktionen abwickeln. Dies funktionierte jedoch nur, wenn nicht gleichzeitig weitere An- und Verkäufe über die Börse abgewickelt wurden. Im April entschloss sich Karpelès, die Börse zwischenzeitlich zu schließen. Er schaffte es tatsächlich, den Handelsplatz kurzfristig zu stabilisieren, doch bereits Ende Juni musste er erneut Zahlungen aussetzen. Ein Zustand, der sich von nun an nicht mehr verbessern sollte.

Mt. Gox am Ende

Hinzu kamen Klagen vom einstigen Mitstreiter CoinLab, die einst das US-Geschäft für Mt. Gox begleiten sollten. Im Mai beschlagnahmte das Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten Konten der Onlinebörse bei einem Zahlungsdienstleister, da Mt.Gox es versäumt hatte, einige in den USA notwendige Dokumente zu hinterlegen. Anfang Februar 2014 waren Abhebungen über Mt. Gox schließlich nicht mehr möglich, das Desaster gipfelte in der vollständigen Abschaltung der Seite am 25. Februar 2014. Am 28. Februar teilte Karpelès mit, dass ca. 850.000 Bitcoins verloren gegangen seien, davon etwa 750.000 aus Kundenkonten. Etwa einen Monat später korrigierte Karpelès die Zahl auf 650.000, etwa 200.000 Bitcoins waren wieder aufgetaucht. Mt. Gox war Geschichte.

Was macht eigentlich …

Mark Karpelès wurde vorgeworfen, die verschwundenen Bitcoins durch eine interne Manipulation unterschlagen zu haben. Man vermutet, dass nur knapp 7.000 Bitcoins tatsächlich durch Hackerangriffe gestohlen wurden. Der gesamte Rest, ca. 643.000, soll von Insidern unterschlagen worden sein. Mark Karpelès wurde am 1. August 2015 von den japanischen Behörden festgenommen und sitzt seitdem im Gefängnis.
Jed McCaleb sollte im Jahr 2011 die Kryptowährung Ripple gründen, ein Zahlungsnetzwerk, das jede beliebige Währung unterstützt. Doch dazu an anderer Stelle mehr. Heute leitet Jed die technische Entwicklung von Stellar.org. Das Unternehmen verbindet Menschen über kostengünstige Finanzdienstleistungen, um so Armut zu bekämpfen und individuelle Potenziale zu fördern. Außerdem ist er Berater von Miri, einem Forschungslabor für künstliche Intelligenz.

Karpelès vor Gericht (Update v. 10.07.17)

Heute muss sich Mark Karpelès in Tokio vor Gericht verantworten. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, über Mt. Gox Daten manipuliert und Bitcoins im Wert von mehreren Millionen US-Dollar veruntreut zu haben. Es wird erwartet, dass Mark Karpelès auf „nicht schuldig“ plädiert.
Bei einem Schuldspruch könnte Karpelès eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren erwarten. Ob im Rahmen der Verhandlung auch herauskommt, was mit den verschwundenen 650.000 Bitcoins geschehen ist, bleibt abzuwarten. Über deren Verbleib wird bis heute spekuliert. Bereits im Juni hatte die auf Blockchain-Analysen spezialisierte Firma Chainanalysis erklärt, dass man den Verbleib der verschwundenen Bitcoins definitiv kenne. Beweise für diese Behauptung wurden bislang jedoch noch nicht vorgelegt.

von Patrick Rosenberger | Quellenverzeichnis