Die Legende von Hal Finney

Die Legende von Hal Finney

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Wer ist Satoshi Nakamoto?

Als am 31.10.2008 eine Gruppe Kryptografieinteressierter eine E-Mail erhält, ist der Unterzeichner bis dahin vollkommen unbekannt. Satoshi Nakamoto erläutert ein neues elektronisches Zahlungssystem, welches vollständig auf einem gleichberechtigten Peer-to-Peer-Netzwerk beruht und keine Moderation seitens einer Bank oder einer ähnlichen Instanz erfordert. Nakamoto wird später als Erfinder des ersten dezentralen Zahlungssystems Bitcoin in die Geschichte eingehen. Doch wer ist Satashi Nakamoto?

Alle jagen Nakamoto

Im Laufe der Zeit versuchten viele Journalisten, Bitcoin- und Kryptographie-Experten die wahre Identität Nakamotos zu entschlüsseln. Darunter namhafte Magazine wie Newsweek, GQ und The Economist oder der Sender BBC. Zahlreiche Verdächtige aus aller Herren Länder wurden als vermeintliche Urheber der Kryptowährung identifiziert. Unter Ihnen sogar Krypto-Prominenz wie Jed McCaleb, Gründer der umstrittenen Bitcoin-Börse Mt.Gox, seinerzeit wohnhaft in Japan. Er geriet als Mitgründer der Zahlungssysteme Ripple und Stellar in den Fokus der selbsternannten Ermittler.

Craig Wright inszeniert sich selbst

Mit dem australischen Geschäftsmann Craig Steven Wright drängte sich schließlich jemand selbst als Erfinder der virtuellen Währung ins Rampenlicht. Als Nachweis für seine zweite Identität signierte Wright während eines Gesprächs mit der BBC mehrere Nachrichten mit einem kryptographischen Schlüssel, der aus der Anfangszeit der Bitcoin-Entwicklung stammte. Über eben diesen Schlüssel wurde einst die erste Transaktion mit Bitcoin ermöglicht und durchgeführt. Trotz der anwesenden Jon Matonis (Direktor der Bitcoin Foundation) und Bitcoin Entwickler Gavin Andresen wurde die Glaubhaftigkeit dieses Beweises später von der Bitcoin-Gemeinde in Frage gestellt. Wright bleibt Antworten auf gezielte Fragen nach weiteren Beweisen bis heute schuldig.

Hal Finney

Eine besondere Rolle im Wirrwarr um Satoshi Nakamoto sollte der Software-Entwickler Hal Finney spielen. Der 1956 geborene Finney wuchs in einem Vorort von Los Angeles auf. Schon zu Schulzeiten galt er als ein außergewöhnlich intelligenter und nachdenklicher Schüler, der selbst seine Lehrer durch seine schnelle Auffassungsgabe verblüffte. Seine besondere Aufmerksamkeit galt den Zahlen und der Mathematik. Als sich Finney nach der Schule in das California Institute of Technology einschrieb, wechselte sein Augenmerk von der Mathematik zur Informatik, womit er den Grundstein für das Wissen legte, welches ihn später zu einem der bekanntesten Software-Entwickler seiner Zeit machen sollte.

Wie alles begann

Nach dem Abschluss seines Studiums heiratete Finney 1982 seine College-Freundin Fran und zog mit ihr nach Temple City, einem Vorort von Los Angeles. Seine Karriere startete er als Programmierer von Konsolenspielen und war unter anderem an der Entwicklung der heutigen Kultspielklassiker Astroblast und Space Attack beteiligt.

DigiCash als Bitcoin-Vorläufer

1991 stieß Finney auf eine Bewegung, die sein Leben von nun an beeinflussen sollte. Die Cypherpunks hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Macht der Regierungen zu hinterfragen und zu untergraben. Als Werkzeuge dienten vor allem Verschlüsselungs-Tools, mit denen Spuren im Netz verwischt und E-Mails verschlüsselt werden konnten, um so eine komplett anonyme Kommunikation zu ermöglichen. Besonders inspiriert war Finney von der Arbeit von David Chaum. Dieser hatte mit DigiCash eine Art Vorläufer von Bitcoin entwickelt, der bereits einige der anonymen und dezentralen Eigenschaften der späteren Kryptowährung vorweisen konnte.

Ein Leben für die Verschlüsselung

Über die Cypherpunk-Bewegung lernte Finney später den Aktivisten Phil Zimmermann kennen, der mit PGP oder Pretty Good Privacy ein Verschlüsselungsprogramm entwickelt hatte, das selbst den Bemühungen von Regierungsbehörden standhalten konnte. Hal Finney wurde Zimmermanns erster Angestellter und hatte maßgeblichen Einfluss auf Code und Verschlüsselungstechnik. Er sollte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2011 für PGP arbeiten.

Hal Finney arbeitet an Bitcoin

Doch der wohl wichtigste Moment in Finneys beruflicher Laufbahn war der 31.10.2008. Ein bis dahin vollkommen unbekannter Satoshi Nakamoto erläutert sein neues elektronisches Zahlungssystem, welches vollständig auf einem gleichberechtigten Peer-to-Peer-Netzwerk beruhen soll und keine Moderation seitens einer Bank erfordert. Finneys Interesse war sofort geweckt und er antwortete auf Nakamotos Nachricht, die bei anderen nur auf Skepsis und Desinteresse stieß.

Finney lud den Bitcoin-Code herunter und startete diesen auf seinem privaten Rechner. Bei etwa 1.000 geminten Bitcoins war jedoch Schluss. Finney brach den Prozess ab, da er um seinen Computer fürchtete. Dieser war durch die permanente Rechenleistung bereits seit Wochen überhitzt. Einige Male tauschte sich Finney während dieser Zeit mit dem ihm unbekannten Satoshi Nakamoto aus, verbesserte Fehler im Code oder schickte Anregungen für Bugfixes.

Anfang 2009 war es dann soweit. Nakamoto initiierte die erste Testübertragung von 10 Bitcoin in Finneys Account – mit eben jenem Schlüssel, den Craig Wright Jahre später als Beweis vorlegen sollte, Satoshi Nakamoto zu sein.

Dorian Prentice Satoshi Nakamoto

Nach wie vor suchten Journalisten und Netzaktivisten permanent nach dem wahren Satoshi Nakamoto. Wer war der Mann, der sich 2011 komplett aus der digitalen Öffentlichkeit verabschiedete? Im März 2014 war es das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek, das in einer Titelgeschichte den Kalifornier Dorian Satoshi Nakamoto, einen japanischen Einwanderer, als vermeintlich wahren Nakamoto enttarnte. Er war der perfekte Kandidat, hatte die perfekte Vita.

Folgt man den Recherchen des Magazins absolvierte der damals 64-jährige Dorian bereits mit 23 die California Polytechnic University in Pomona, Kalifornien, mit einem Abschluss in Physik. 1973 änderte er seinen Namen von Satoshi Nakamoto zu Dorian Prentice Satoshi Nakamoto und benutzte seinen alten Namen von nun an nicht mehr.

Seine Familie charakterisierte Nakamoto als einen ausgesprochen intelligenten, aber zugleich launischen und einsilbigen Menschen, dem seine Privatsphäre sehr am Herzen lag. Dorian arbeitete in unterschiedlichen Unternehmen als Computer-Ingenieur in Kommunikations- und Technologie-Projekten. Darunter auch Militärprojekte höchster Geheimhaltungsstufe. Zurzeit war er jedoch arbeits- und vollkommen mittellos.

Bitcoin Entwickler Gavin Andresen, der per E-Mail mit Satoshi Nakamoto in Kontakt stand, beschrieb diesen einmal als einen aus seiner Wahrnehmung älteren Menschen, der alleine arbeitet und in einem nicht mehr aktuellen Stil programmiert. Allesamt Attribute, die perfekt auf Dorian passten.

Leah McGrath Goodmann, die den Fall für Newsweek recherchierte, interviewte Dorians Exfrau Grace Mitchell zu ihrem ehemaligen Lebenspartner. Für Nakamotos Erfindung Bitcoin hatte sie eine ganz eigennützige Erklärung parat: die Frustration über zu hohe Bankgebühren und Wechselkurse, die Dorian bei seinen internationalen Bestellungen von Modelleisenbahnen in der Vergangenheit stets geärgert hatte. Dorian war Sammler und bestellte viele Teile seines Hobbys in Europa.

Aber das Wichtigste: Wie Hal Finney wohnte auch Dorian Nakamoto in Temple City, Los Angeles, Kalifornien. Ein Vorort mit nur etwa 36.000 Einwohnern, nur etwa 2,5 Kilometer voneinander entfernt…

Ist Hal Finney selbst Satoshi Nakamoto?

Diesen Zusammenhang verfolgte auch ein Journalist des Forbes Magazine. Andy Greenberg arbeitete ebenfalls an der Enttarnung Nakamotos und hatte bereits ein Treffen mit Hal Finney organisiert, was kurz bevor stand.

Schenkt man seinen Veröffentlichungen Glauben, so erreichte ihn nur wenige Stunden nach Veröffentlichung des Newsweek-Artikels die E-Mail einer Community-Bekanntschaft Finneys, in der der Verfasser darauf hinwies, dass Hal Finney seit 1982 in Temple City gelebt hatte. In der gleichen Stadt, in der Newsweek Dorian Nakamoto gefunden hatte.

Mit anderen Worten: Der vermeintlich echte Satoshi Nakamoto lebte nur wenige Kilometer von seinem engsten Vertrauten entfernt. Von dem Mann, mit dem er die erste Transaktion durchführte. Das konnte kein Zufall sein. Kannten sich die beiden? Möglicherweise hatten sie sich in einem Forum kennengelernt, möglicherweise aber auch im örtlichen Computer-Club. Greenberg arbeitete fieberhaft daran, einen Zusammenhang zwischen beiden herzustellen. Haben Sie die gleiche Schule besucht, die Universität oder haben sie gleiche Freunde. Wo ist der Zusammenhang? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide sich tatsächlich nicht kennen?

Trotz intensiver Recherchen konnte Greenberg keinen Zusammenhang feststellen. Aber irgendwo musste er sein. Er musste. Da reifte in ihm eine Idee. Was, wenn Hal Finney in Wirklichkeit Satoshi Nakamoto ist? Auch auf ihn trifft die Beschreibung eines Programmierers der alten Schule, der vorwiegend allein arbeitet.

Er beauftragte ein Unternehmen, das Online-Postings und Veröffentlichungen Finneys mit einem Whitepaper Nakamotos verglich, in dem er die Funktionsweise von Bitcoin schilderte. Das gleiche Unternehmen hatte bereits Dorian Nakamotos Schreibstil analysiert und diesen vom Verdacht des echten Nakamoto entlastet. Bei Finney jedoch waren die Übereinstimmungen eindeutig, sein Schreibstil war ebenso präzise wie das Whitepaper, mit dem Nakamoto Ende 2008 Bitcoin erläutert hatte.

Beseelt von dem Gedanken, dass Finney der wahre Nakamoto ist, traf sich Greenberg mit Finney, um diesen mit seinem Verdacht zu konfrontieren. Er war überzeugt, dass sich Finney des Namens eines Mannes bedient hatte, dessen Lebenslauf durch Erfolg und spätere Verarmung symbolisch für ein gescheitertes Finanzsystem stand.

Finney war bereits 2009 an ALS erkrankt und konnte zum Zeitpunkt des Treffens nur noch mit seinen Augen und über seinen Sohn mit Greenberg kommunizieren. Dennoch lernte Greenberg ihn als einen offenen, sympathischen und vertrauenswürdigen Menschen kennen, dem der Vergleich mit Nakamoto sogar schmeichelte. Aber er widersprach dem Verdacht, der Erfinder von Bitcoin zu sein, kategorisch und ließ ihn sogar Einblick in die E-Mail-Korrespondenz nehmen, die er mit Satoshi Nakamoto geführt hatte. Auch der Transaktionsdatensatz, der zeigte, dass Finney am 11. Januar 2009 10 Bitcoins von Nakamoto erhalten hatte, durfte von Greenberg eingesehen werden. Dem Vorwurf, die Identität Dorian Nakamotos benutzt zu haben, widersprach Finney ebenfalls vehement.

Hatte Finney all das nur inszeniert? Hatte er zwei Konten eröffnet, um eine Korrespondenz mit sich selbst zu fingieren, Transaktionen an sich selbst ausgeführt? Und das alles zu einer Zeit, als Bitcoin noch nicht die geringste Bedeutung hatte? Greenberg glaubte am Ende selbst nicht mehr daran. Das Rätsel um Satoshi Nakamoto wurde ein weiteres Mal nicht gelöst.

Zu guter Letzt

Der damals 65-jährige Dorian Nakamoto veröffentlichte ein Dementi und ging rechtlich gegen das Magazin Newsweek vor. Newsweek veröffentlichte daraufhin gezwungenermaßen Nakamotos Gegendarstellung, hält aber bis heute an der Theorie fest, dass Dorian Nakamoto der echte Nakamoto sei. Dorian, der nach eigenen Angaben zuvor noch nie von Bitcoin gehört hatte, weiß inzwischen deutlich besser Bescheid. Nach dem Ende des Trubels um seine Person sammelte die Bitcoin-Community 2014 über 20.000 Dollar an Spenden für ihn, natürlich in Bitcoin.

Hal Finney war im Laufe seiner beruflichen Karriere an den bahnbrechendsten Entwicklungen in der Geschichte der Verschlüsselungs-Technologien beteiligt, bis er im August 2009 an ALS erkrankte. Hal programmierte solange er konnte, bevor er am 28. August 2014 in Scottsdale, Kalifornien verstarb. In der Hoffnung, eines Tages wiederbelebt werden zu können, ließ sich Finney nach seinem Tod kryokonservieren.

Vom echten Satoshi Nakamoto fehlt bis heute jede Spur.

von Patrick Rosenberger | Quellenverzeichnis