Blockchain optimiert humanitäre Hilfe

Blockchain optimiert humanitäre Hilfe

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Es kommt einfach zu wenig an

Jahr für Jahr fließen Hunderte Millionen US-Dollar in Entwicklungsländer. Dabei ist oftmals gar nicht klar, welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen dieser Geldfluss tatsächlich hat. In der Spendensumme, die beim Empfänger ankommt, steckt im Vergleich zur Summe, die ursprünglich zur Verfügung gestellt wurde, jedenfalls noch jede Menge Potential. Vieles spricht dafür, dass Diktatoren, korrupte Staatsdiener oder andere eigennützige Mittelsmänner einen großen Teil der Spendensumme in die eigene Tasche fließen lassen, bevor die Spende dort ankommt, wo sie tatsächlich benötigt wird.

Bürokratie kostet Geld

Hinzu kommt die Tatsache, dass ein Anstieg der Staatseinnahmen die Ausschüttung am Ende reduzieren oder sogar verhindern kann. Als Grund dafür nennt eine Analyse des Journal of International Economics, dass der erhöhte Verwaltungsaufwand, der durch den Zuwachs entsteht, das zusätzliche Kapital am Ende vollständig liquidieren kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Geld von Staat zu Staat geflossen ist, oder über eine Organisation zur Verfügung gestellt wurde.

Startkapital für ein komfortables Leben

UNICEF Canada rief bereits 2015 ein Kryptowährungsprojekt namens Unicoin ins Leben. Die virtuellen Münzen sollten Kindern den Zugang zum Finanzsystem ermöglichen, indem sie ein hübsches Bild gegen eben diese Währung tauschten, um gewissermaßen Startkapital für ein komfortables Leben zu erhalten. Spinnt man diese Idee weiter, hätte UNICEF jedes hilfsbedürftige Kind mit einem eigenen Konto ausstatten können, auf das Spendengelder anteilig transferiert werden. Kein Diktator, keine korrupter Beamter hätte Zugriff auf dieses Konto erlangen können, wenn man die Blockchain als technische Basis für dieses Konto nutzt. Denn die Blockchain ermöglicht Transaktionen direkt vom Sender zum Empfänger – ohne einen Mittelsmann, der möglicherweise eigene Interessen verfolgt. Über die Blockchain hätten so die Mittel zur Verfügung gestellt werden können, die die Ärmsten auf dieser Welt so dringend benötigen. Leider wurde das Projekt Unicoin inzwischen eingestellt.

Eindeutig identifiziert dank Blockchain

Auch in der aktuellen Flüchtlings-Diskussion könnte die Blockchain eine entscheidende Rolle spielen. Das Gedankenspiel beginnt an der Stelle, an der vermeintliche Flüchtlinge unter falschen Identitäten durch die Welt reisen. Würde die Identität in der Blockchain hinterlegt, könnte die echte Identität eines Reisenden mit seinen individuellen Daten und Merkmalen jederzeit und absolut fälschungssicher abgerufen werden.

Hilfslieferungen können der lokalen Wirtschaft schaden

Gleichzeit könnte ein weiteres Problem gelöst werden, dass mit den Flüchtlingsströmen einhergeht. Wo auch immer diese Menschen durch Hilfslieferungen unterstützt werden müssen, gerät die örtliche Wirtschaft in Schieflage. Denn die Hilfslieferungen lösen keinen Zahlungsstrom in das lokale Finanzsystem aus. Umsatz bleibt aus, da Nahrungsmittel kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Die Bedürftigen mit Bargeld zu versorgen, führt wiederum zu Missbrauch und Zweckentfremdung. Abhilfe schafft auch hier die Blockchain und ein über die Blockchain generiertes Konto. Die Bedürftigen bekommen virtuelle Münzen auf ihr Handy gespielt, womit sie sich Lebensmittel kaufen können. Der Wirtschaftskreislauf bleibt geschlossen. Aktuell arbeitet das United Nations World Food Programme an einem System, welches bereits bei etwa 10.000 Flüchtlingen zum Einsatz kommt.

Eindeutige Eigentumsverhältnisse dank Blockchain

2010 ist das Rote Kreuz nach dem Erdbeben von Haiti in die Kritik geraten. Die Organisation wurde verdächtigt, Mittel zu verschwenden und nicht dem geplanten Ziel zukommen zu lassen. Was war passiert? Das Rote Kreuz hatte angekündigt, etwa 130.000 neue Wohnungen zur Verfügung zu stellen, tatsächlich gebaut wurden am Ende aber gerade einmal sechs. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die Organisation einfach nicht in der Lage war, herauszufinden, wem das Land, auf dem die Wohnungen gebaut werden sollten, eigentlich gehörte. Die unorganisierten Strukturen Haitis konnten diese vermeintlich einfache Information nicht verbindlich beisteuern. In einem virtuellen Grundbuch wären diese Informationen unwiderruflich und unmanipulierbar hinterlegt. Die Technik schafft klare Eigentumsverhältnisse und schützt vor unrechtmäßiger Enteignung.

Transparenz in der gesamten Prozesskette

Die Blockchain kann so einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Geldfluss der Entwicklungshilfe zu optimieren. Durch sie werden keine Mittelsmänner benötigt, die Gelder in die eigenen Taschen wirtschaften oder für ihre Dienstleistungen Geld verlangen. Denn die Blockchain macht es möglich, Beträge direkt und ohne Umwege von A nach B zu transferieren. So kommt am Ende der Kette einfach mehr an. Des Weiteren sorgt sie für absolute Transparenz in der gesamten Prozesskette vom Spender zum Empfänger. Bei jeder Spende eines Einzelnen könnte nachvollzogen werden, wofür sie schlussendlich eingesetzt werde – für den Bau eines Krankenhauses oder um das Gehalt eines Dorflehrers zu finanzieren. Fehler oder Veruntreuung der beteiligten Organisationen würden sofort auffallen und geahndet werden. Über Smart Contracts, digitale Verträge, die sich über die Blockchain aufsetzen lassen, könnten Treuhandkonten eingerichtet werden, die eine definierte Summe erst dann freisetzen, wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind – ohne Mittelsmann, ohne Notar.

Update 08.08.17: UNICEF testet Ethereum Smart Contracts

Hilfsorganisationen haben ein großes Problem. Sie müssen Vertrauen schaffen, um an Spendengelder zu gelangen. Zudem befinden sie sich im Wettbewerb mit zahlreichen anderen Hilfsorganisationen, die um dieselben Spendengelder ringen. Um sämtliche Transktionen vollkommen transparent vorhalten zu können, experimentiert UNICEF Ventures nun mit den Ethereum Smart Contracts. So soll zukünftig jede noch so kleine Transaktion öffentlich einsehbar sein und „als ein Fenster für die Arbeit dienen, die wir leisten“. Darüber hinaus sind die Personen, die an der Genehmigung und Prüfung der Smart Contracts und Transaktionen beteiligt sind, auch vollständig öffentlich einsehbar und auditierbar.

> Teil 1: Die Blockchain kann Leben retten

von Patrick Rosenberger | Quellenverzeichnis