Bitcoin: Tod einer Ideologie

Bitcoin: Tod einer Ideologie

Lesezeit: etwa 9 Minuten

Die aktuelle Berichterstattung ist voll von den Kursgewinnen, die sich mit Bitcoin erzielen lassen. Voll von den zahlreichen Millionären, die Bitcoin bereits hervorgebracht hat. Von den Aufs und Abs der Kryptowährung. Doch kaum jemand interessiert sich noch für die Ideologie hinter Bitcoin, für die Zeit, als alles begann. Dabei ist Bitcoin erst ein paar Jahre alt. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Ein UFO für die Gläubigen

1954 war Dorothy Martin (1900-1992), eine Hausfrau aus Chicago, fest davon überzeugt, dass die Welt untergehen würde. Sie behauptete, eine Nachricht von einem fiktiven Planeten namens Clarion erhalten zu haben, nach der die Welt von einer riesigen Flutwelle heimgesucht werden würde, die alle Ungläubigen vernichtet. Die Gläubigen aber sollten zuvor von einem UFO in Sicherheit gebracht werden. Abflug: 21.12.1954, im Morgengrauen. Dorothy schaffte es tatsächlich, die Menschen in ihrer Umgebung von ihrer abenteuerlichen Theorie zu überzeugen. Die verließen nach und nach ihre Familien und Freunde, kündigten ihre Jobs und verschenkten Geld und Besitztümer. Am Tag, als dann die Welt untergehen sollte, warteten sie. Und nichts geschah.
Doch anstatt zu akzeptieren, dass die Prophezeiung der Apokalypse blanker Unfug war, begannen die Menschen ihre Geschichte über Zeitschriften und per Mund-zu-Mund-Propaganda zu verbreiten. Zu groß war der Verlust von Ansehen und investiertem Vermögen.
Die Wissenschaft bezeichnet dieses Verhalten als Kongitive Dissonanz, ein als unangenehm empfundener Gefühlszustand, der immer dann auftritt, wenn man große Anstrengungen auf sich genommen hat. Nur um dann festzustellen, dass das Ergebnis den Erwartungen nicht gerecht wird.

Ist die Bitcoin-Ideologie gescheitert?

Viele glauben, diesen Ansatz auch in Bitcoin wiederentdeckt zu haben. Die Bitcoin Evangelisten prophezeien seit 2009 den Durchbruch und eine allgemeine Akzeptanz der Währung – doch die bleibt trotz aller Bemühungen bislang aus. Ist die Ideologie hinter Bitcoin also tatsächlich bereits gescheitert? Sehen wir uns dazu an, wie alles begann.

Bitcoin als perfekte Krisenwährung

Der Zeitpunkt, zu dem Satoshi Nakamoto einer Gruppe Kryptografieinteressierter eine E-Mail schickte, war sicherlich keine Zufall. Die Weltwirtschaftskrise hatte gerade ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Satoshi Nakamoto erläuterte darin ein neues elektronisches Zahlungssystem, welches vollständig auf einem gleichberechtigten Netzwerk beruht und keine Moderation seitens einer Bank oder einer ähnlichen Instanz erfordert. Das perfekte Werkzeug, um derartige Krisen zukünftig zu verhindern. Denn digitales Geld kann weder manipuliert, noch beliebig vermehrt werden. Eine Nationalbank wird theoretisch überflüssig.

Die Blockchain macht Betrug unmöglich

Der revolutionäre Trick hinter Bitcoin heißt Blockchain. Hier wird festgehalten, wer wem wieviel Geld überweist und wieviel Geld sich nach der Transaktion noch auf dem Konto befindet. Dabei werden diese Daten nicht zentral in einer Datenbank gespeichert, sondern dezentral auf jedem einzelnen am Netzwerk teilnehmenden Computer. Diese Computer werden Miner genannt und befinden sich im permanenten Austausch untereinander. Eine Transaktion gilt erst dann als gültig, wenn die Mehrheit der Miner sie als gültig verifiziert hat. Betrug und Korruption sind so faktisch ausgeschlossen.

Bitcoins Ideologie

Die Ideologie hinter Bitcoin verfolgte ursprünglich einen eher politischen Ansatz. Ihre Verfechter wollten eine Währung schaffen, die nicht von offizieller Stelle kontrolliert werden kann und über ein hohes Maß an Anonymität im Vergleich zum konventionellen Banking verfügt.
Satoshi Nakamoto selbst erklärte im Code des Bitcoin-Protokolls, dass sein Motiv für die Entwicklung von Bitcoin sein Ärger über die Finanzkrise sei. Das machte seine Ausführungen im Grunde zu einem politischen Dokument, welches zahlreiche Anarchisten anlockte, die in Bitcoin ein Instrument sahen, um Geld aus der Kontrolle der Regierungen zu befreien.

Die Ideologie der Cypherpunks

Schon weit davor verfestigten sich die antistaatlichen Prinzipien einer Bewegung, die sich selbst als Cypherpunks bezeichneten. Sie glauben bis heute an das Internet als einen Ort, an dem man neue Identitäten erschaffen kann und pochen auf das Recht, dies auch zu tun. Nach ihrer Ideologie darf die eigene Identität, Nationalität, Religion oder Erziehung im Internet keine Rolle spielen. Losgelöst von der Kontrolle des Staates sollen die Identitäten, die man im Internet für sich erschaffen hatte, nahezu frei interagieren können. Befreit von der Kontrolle eines Systems, das jeden Aspekt des Lebens zu kontrollieren versucht. Klar, dass die Anonymität des Bitcoin-Protokolls perfekt zu den Ansätzen der Cypherpunks passte.

Bitcoin als Weltanschauung

Bitcoin war in den Wurzeln ein Weltanschauung, eine Ideologie, eine Revolte gegen das System. Bitcoin wollte anonym sein. Nicht um Steuern zu hinterziehen, sondern um anonyme Zahlungsvorgänge zu ermöglichen. Ganz einfach, weil es niemanden etwas angeht, was man mit seinem Geld macht. Bitcoin wollte die Vorteile von Bargeld mit denen digitaler Transaktionen vereinen. Bitcoin wollte mehr sein. Bitcoin wollte helfen. Durch günstigere Transaktionen, durch schnellere Transaktionen, durch unkorrumpierbare Transaktionen.

Bitcoin könnte Leben retten

Jährlich wird mehr als 1 Milliarde US-Dollar alleine nach Kenia überwiesen. Die Transaktionsgebühren dafür belaufen sich auf nahezu 100 Millionen US-Dollar. 100 Millionen US-Dollar, die den Armen zugute kommen könnten. Statt dessen versickern sie bei Banken oder Dritten, die von den Transaktionen profitieren. Bitcoin könnte dieses Problem lösen. Eine Bitcoin-Transaktion ist deutlich günstiger. Warum müssen also noch immer zu viele Menschen verhungern, obwohl eine rettende Technologie bereits vorhanden ist?

Warum setzt sich Bitcoin nicht durch?

Das Problem ist das Vertrauen in die digitalen Münzen. Vertrauen ist ein obligatorischer Faktor jedes funktionierenden Währungssystems. Menschen, die mit der Währung zahlen, müssen darauf vertrauen, dass ihr Gegenüber der Währung ebenfalls vertraut und sie als gültiges Zahlungsmittel akzeptiert und verwendet. Den Befürwortern von Bitcoin geht es in erster Linie darum, eine Alternative zu diesem Vertrauen zu schaffen. Mithilfe eines dezentrales Konzepts, das auf gegenseitigem Vertrauen und Verifizierung basiert – ohne, dass dazu eine Kontrollinstanz benötigt wird. Der Schlüssel zur Akzeptanz könnte ein viraler Impuls sein, ausgelöst etwa durch ein innovatives und Bitcoin-basiertes Produkt, das jeder benutzt.

Bitcoin ist zu komplex für normale Menschen

Doch vor allem die technische Hürde muss genommen werden. Eine intuitive Benutzerführung, optimierte grafische Oberflächen – all das ist bislang kaum zu finden. Statt dessen verwirrendes Neuland und technisches Kauderwelsch. Ein Gräuel für Menschen ohne die entsprechende Affinität und ein intensives Interesse, sich tief in die Materie einzuarbeiten. Denn tut man das nicht, droht der Totalverlust. Ein demotivierender Hinweis, der sich gebetsmühlenartig wiederholt, wenn man zum Thema recherchiert.

Zentralisieren, um zu dezentralisieren

Die Vorzüge der dezentralen Speicherung der Transaktionen können sich in der täglichen Praxis schnell umkehren. Läuft bei einer Überweisung mit herkömmlichen Fiatgeld wie US-Dollar oder Euro einmal etwas schief, so ist es gerade die Zurückverfolgbarkeit, die es möglich macht, sein Geld zurückzubekommen. Bei Kryptowährungen verhält es sich anders. Geht hier mal etwas schief, darf man sicherlich nicht davon ausgehen, dass man aus dem dezentralisierten und anonymen Netzwerk Unterstützung erhält. Apropos dezentralisiert: Bitcoin kommt schon heute nicht mehr ohne zentrale Marktplätze aus. Wenn Bitcoin seine größte Stärke aus einem dezentralen Netzwerk zieht, warum muss man dann zunächst zentralisieren, um dann zu dezentralisieren?

Miner sind in zwei Lager gespalten

Auch die Miner scheinen sich nicht einig zu sein. Die einen sind hochmotiviert, stets daran interessiert, das Netzwerk dynamisch und up-to-date zu halten. Die anderen leben die Ideologie hinter Bitcoin und versperren sich gegenüber Code-Anpassungen. Gemeinsam tragen sie öffentliche Diskussionen darüber aus, was die nächsten Schritte sein könnten, um Bitcoin auf eine unerwartet hohe Nachfrage anzupassen. Diese Diskussionen sind im Sinne Bitcoins notwendig, selbstverständlich, tragen aber dazu bei, dass Bitcoiner verunsichert werden, da diese Diskussionen in der öffentlichen Wahrnehmung die notwendige Konsequenz vermissen lassen. Im dezentralen Netzwerk scheint – so die Wahrnehmung derer, die nicht wissen, wie die Prozesse hinter Bitcoin funktionieren – der zentrale Entscheider zu fehlen. Aus kleinen Minern sind in den letzten Jahren große Unternehmen geworden. Hier ist die Frage legitim, inwieweit diese Unternehmen Entscheidungen aus Eigeninteresse treffen und nicht im Sinne der Bitcoin-Nutzer.

Die Nachfrage nach Bitcoin steigt unaufhaltsam

Denn die Nachfrage ist extrem gestiegen. Doch nicht, weil ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen ist und Bitcoin eine breite Akzeptanz erfährt. Die Nachfrage ist gestiegen, weil Spekulanten und Investoren den volatilen Kurs von Bitcoin für sich entdeckt haben.

Bitcoin ist ideal für Spekulanten

Heute, nur wenige Jahre nach Erfindung der Kryptowährung, ist Bitcoin weit weg von der urspünglichen Ideologie. Bitcoin zu einem Spekulationsobjekt verkommen. Man entscheidet sich nicht für Bitcoin, weil es hip oder cool ist und man an der ein oder anderen Ecke einer Großstadt damit bezahlen kann. Heute entscheidet man sich für Bitcoin, weil man davon profitieren möchte.

Bitcoin steht für eine revolutionäre Zukunft

Der Großteil der heutigen Bitcoin-Käufer hat kein Interesse an der Technologie oder der Ideologie hinter Bitcoin. Der heutige Käufer glaubt, dass er dazu gehört, wenn er Bitcoin hält. Zu einem bislang noch elitären Kreis von Menschen, die sich ihren Anteil an einer revolutionären Zukunft erkaufen möchten. Bitcoin ist zu einem Spekulationsobjekt geworden. Investoren wetten auf steigende Kurse. Und solange der Kurs tendentiell nach oben zeigt, halten die Besitzer Bitcoins auf ihren Konten.

Investoren würden auch vom Darknet profitieren

Für Investoren hätte es auch keine Rolle gespielt, wenn Bitcoin nicht in der Lage gewesen wäre, den ehemals schlechten Ruf der Darknet-Vergangenheit abzulegen. Denn die Nachfrage nach Bitcoin aus dem Darknet ist für Investoren ebenso gut wie von überall sonst. Vielleicht ist sie sogar besser. Denn der Schwarzmarkt potenziert die Akzeptanz der Kryptowährung – wenn auch nur in dunklen Kreisen. Hier ist Bitcoin der Platzhirsch, weit entfernt von der Regulierung der Behörden.

Bitcoins Probleme sind hausgemacht

Doch dieser Punkt in Bitcoins Geschichte ist längst nicht mehr so präsent wie heute. Heute kämpft Bitcoin gegen ein anderes, größeres und vor allem hausgemachtes Problem. Seit 2009 sind Stand heute rund 16,5 Millionen Bitcoins geschürft worden. Diese haben einen Wert von etwa 71 Milliarden US-Dollar. Tendenz: steigend. Um 2040 sollten alle 21 Millionen Bitcoins erzeugt worden sein, so sieht es das Protokoll vor. Danach ist endgültig Schluss. Und genau hier steckt der Denkfehler: Warum sollte ich heute mit Bitcoins bezahlen, wenn diese morgen bereits mehr wert sind? Durch das Prinzip der künstlichen Verknappung macht sich Bitcoin als Zahlungsmittel selbst überflüssig. Und bietet sich statt dessen als digitales Wertaufbewahrungsmittel an, das gerade auf dem besten Wege ist, Gold als das allerzeit beliebteste Anlageprodukt in Krisenzeiten abzulösen. Doch möglicherweise ist Bitcoin als Spekulationsobjekt auch ein notwendiger Schritt auf dem steinigen Weg zum Mainstream. Denn setzt sich die Kryptowährung erst einmal als Wertspeicher durch, könnte dies die Grundvoraussetzung für das notwendige Vertrauen in Bitcoin als Währung sein.

Die Nummer eins der Kryptowährungen

Bitcoin steht sicherlich eine rosige Zukunft bevor. Die Kryptowährung konnte sich als einzige „echte“ Kryptowährung bereits etablieren und steht bis heute und mit weitem Abstand unangefochten auf Platz eins der Marktkapitalisierung. Als Kapitalanlage hat Bitcoin langfristig das Potential stark zu steigen. In jedem Fall bietet Bitcoin eine interessante Möglichkeit, das Portfolio zu diversifizieren und auf hohe Kursgewinne zu setzen. Ob Kryptowährungen aber die traditionellen Währungen als Zahlungsmittel langfristig ersetzen können, steht aktuell sicherlich noch in den Sternen.

von Patrick Rosenberger | Quellenverzeichnis

2 Kommentare zu “Bitcoin: Tod einer Ideologie”

  1. Erstmal:
    Schöner blog, hoffe die Stories schaffen es öfters in die Bitcoin Suchergebnisse bei google.

    Der Artikel übersieht aber scheinbar dass BTitcoin als Spekulationsobjekt nicht nur ein hinreichender sondern ein notwendiger Schritt auf dem Weg zum Mainstream sein könnte. Die allgemeine Wahrnehmung als Zahlungsmittel könnte auf der Vorstellung der Wertspeicherung beruhen und somit die Grundvoraussetzung für das notwendige Vertrauen in Bitcoin als Währung sein.

    auch könnte eben diese instrumentalisierung und der hohe Wert dazu beitragen, dass Bitcoin die hohen technischen Hürden überwindet anstatt unter dem Herrschaftswissen einer ausgewä#hlten Gruppe von „Nerds“ zu gedeihen. Auch Trader und nicht institutionelle Anleger dürsten nach einer Lösung, um ihre Bitcoin ohne großen Aufwand „wegzuspeichern“ und das Spekulationsobkejt Bitcoin forciert die Entwicklung von Hardware-Wallets u.ä..

    Mit der Ansicht über Miner „Die anderen sind vom alten Schla“ gehe ich nicht konform. Hier wird übersehen, dass Bitcoin eine „blanke“ saubere Blockchain ohne Miner-Bestimmung bleiben muss, auf die verschiedene Services aufsetzen. Das ist nicht altbakcne, sondern hochinnovativ. Die Miner (und Strömungen), die einfach nur den Hubraum vergrößern wollen (Blocksize) haben ja jetzt mit Bitcoin Cash, was sie wollen. Aber Nach SegWit werden hochinnovative Techniken wie Lightning, Schnorr und Mimblewimble neue Apps erschaffen, die Bitcoin Cash und größere Blöcke sehr schnell sehr alt aussehen lassen werden.
    Bitcoin wird der „Gegenwert“, das Gold, bleiben und Zahlungen werden trotzdem in Echtzeit erfolgen. Der Motor Bitcoin braucht nicht mehr Hubraum, sondern Einspritzanlagen, Chip-Tuning und Laufleistungsoptimierung.

    • Vielen Dank für die wertvollen Hinweise, denen ich uneingeschränkt zustimme. Beim Thema Mining geht es mir in erster Linie um die Wahrnehmung der Diskussionen der verschiedenen Lager in der Öffentlichkeit. Weniger um technische Aspekte. Sicherlich haben die, die einfach nur den Hubraum vergrößern wollen (super Vergleich übrigens!) ihren Willen am Ende mit BCC bekommen. Dennoch führte die Diskussion in der Öffentlichkeit zu Verunsicherung. Wer sich nicht tiefgehend mit dem Thema auseinander setzt, der kommt hier vielleicht schnell auf die Idee, dass die, denen man sein Geld anvertraut, nicht wüssten, was sie tun oder aber von eigenen Interessen angetrieben sind. Keine gute Voraussetzung für die Akzeptanz. Ich habe die entsprechenden Passagen aber noch einmal überarbeitet.

Comments are closed.